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So wohnt das Ruhrrevier. Man könnte das Thema schnell abhandeln und sagen: Es gibt hier schmucke alte Gründerzeithäuser, schnuckelig restaurierte Arbeitersiedlungen, hässliche Wohnsilos, urbane Architektur und die üblichen uniformen Einfamilien-Neubauten in den amerikanisch geprägten Vorstädten. So wie eigentlich überall auch. Doch hier fängt es schon an: Vorstadt kann an jedem Ort im Revier sein. Mittendrin in der am dichtesten besiedelten Metropolregion Europas stehen Wohnsiedlungen auf der grünen Wiese, und draußen am Niederrhein, wo man fast schon nicht mehr vom Ruhrgebiet reden möchte, finden sich weit verzweigte Zechensiedlungen aus der Zeit der Jahrhundertwende.
Irgendetwas ist hier anders. Irgendetwas, dass dem niederrheinischen Dinslakener im 70 Kilometer entfernten westfälischen Kamen seltsam bekannt vorkommt und ihm ein Gefühl von zuhause gibt. Das Besondere des Arbeitsumfeldes von Kohle und Stahl bedingte früh eine besondere Wohnstruktur. Rund um die zahlreichen Kohlengruben und Hüttenwerke entstanden Siedlungen, die in ihrem Kern zwar von Architekten geplant, in der Folge der Einbettung des gerade entstehenden Stadtgeflechts jedoch oftmals dem Wildwuchs überlassen wurden. Typisch für die heutige Zeit sind die "Halb- und Halb-Häuser", die immer dann entstehen, wenn die Eigner zweier Haushälften sich aus verschiedensten Gründen nicht einigen, wie das Haus in Zukunft auszusehen hat. Das ist eher die Regel denn die Ausnahme.
Der Arbeitnehmer war zur Zeit der Zechengründungen nicht mobil und die Unternehmen hatten ein Interesse daran, ihre Belegschaft in unmittelbarer Reichweite anzusiedeln. Gleichzeitig wachten sie eifersüchtig darüber, dass sich in der Nachbarschaft möglichst keine anderen Unternehmen ansiedelten, die ihnen die Arbeiterschaft abwerben konnten. Während der Urbanisierungsprozess in anderen Städten zu immer höheren Bauwerken führte, dehnten sich die Siedlungen im Revier in der Breite aus.
Dieser Siedlungsbrei mit seinen jeweiligen Zentren wird durch schier endlos anmutende Zubringerstraßen vernetzt. So ist es möglich, die gut 90 Kilometer von Bönen nach Moers zurückzulegen und dabei stets durch mal mehr, mal weniger bebautes Gebiet zu fahren. Um ein Gefühl für das Revier zu bekommen, ist es ratsam, ein möglichst weit entferntes Ziel in sein Navigationsgerät einzugeben und Autobahnen nicht in die Routenplanung einzubeziehen. Man bleibt ständig in der Ruhrstadt und bekommt die Stadtgrenzen meist noch nicht einmal mit. Ich möchte einmal kühn behaupten, es ist möglich, dabei mindestens alle 1000 Meter ein kühles Bier, belegte Brötchen und Klümpchen zu erwerben.
Als ich als Kind das erste mal Gelsenkirchen besuchte, fuhren meine Eltern mit mir durch Hassel, Buer und Schalke bis Mitte und ich konnte nicht begreifen, dass diese Straße kein Ende nahm. Von den Besuchen bei meinen Verwandten in Frankfurt am Main wusste ich, dass mit zunehmender Fahrtzeit zum Stadtzentrum auch der Grad der Bebauung am Straßenrand steigt, bis der Weg abschließend in der City endet. Im Ruhrgebiet ist es anders: Weniger bebaute vorstädtisch anmutende Areale wechseln sich mit dicht bebauten Geschäftsstraßen oder Industriebezirken ab und lassen keinerlei Rückschlüsse darauf zu, wie nah man sich an einem Stadtkern befindet. Heute weiß ich, dass die besagte Straße nach Gelsenkirchen noch lange nicht zu Ende ist und unter anderem über Wattenscheid nach Bochum und darüber hinaus führt.
Aber so ist das nun mal: Flüsse kündigen sich hier nicht an, Autobahnen durchschneiden Stadtteile, auf dem flachen Land stehen Berge herum, neben dem Hochofen bestellt ein Bauer sein Feld und Großstädte werden eingemeindet. Anders halt.


















































